Am nächsten Morgen ging das Gerücht unter den Leuten um, wonach Cassiopeia von einer ganz heimtückischen Krankheit befallen worden sei. In ihrem Gesicht war nur noch stumpfe Apathie. Die Dämmerung war über ihre Züge hereingebrochen und sogar die Pelze, die sie verkaufte, hatten ihren Glanz verloren. Man ging an dem Geschäft vorbei und sah in der Auslage einen toten Blick, der auf die Straße spähte und sich wünschte, dass der Tag zu Ende ginge.

An einer anderen Stelle der Stadt lag ein schwitzender Körper, der das Gefühl hatte, bei lebendigem Leibe zu verfaulen. An seinen Beinen hatte er schwarze Stellen bemerkt, hinter seiner Brust hämmerte es unregelmäßig, als wäre der Trommler an der Herzpauke betrunken, und die Rosenfinger lagen welk auf der Erde wie Halme am Kompost.

Wiederum an einer anderen Stelle der Stadt rüstete ein Dosenfabrikant seine Töchter zu einem Spaziergang aus. Man legte das feinste Leinen an, die Kaulquappen sahen aus, als hätte man Sonntagskleider mit Quallen ausgestopft. Ein Schwarm aus adrett gekleideten Fischen zog aus zu einem bizarren Triumphzug durch die Stadt. Seidinger genoss das Leben. Noch nie waren ihm seine Töchter schöner erschienen, noch nie hatte er es so genossen, wie ihm die Welt zu Füßen lag. Und dennoch dachte er daran, dass man den Glanz der eigenen Hinterhältigkeit vielleicht noch steigern könnte, dass es vielleicht war wie mit einem Kunstwerk: Ohne Bewunderer war es einfach nur etwas Öl auf Leinwand. Oder noch schlimmer: Konzeptkunst. Nein, etwas fehlte. Seidinger wünschte sich ein kompetentes Publikum. Eines, das sein wortarmes Wortkunststück auch zu schätzen wusste. Und wenn er weiterdachte, kamen dafür eigentlich nur zwei Personen in Betracht. Also scheuchte er die Kaulquappen vor die Tür und führte sie zu Cassiopeias Modeboutique, summend im Takt seiner eigenen Schritte.

Die Türglocke schellte. Wer durch das Schaufenster zusah, merkte wie Cassiopeias graues Gesicht etwas grün wurde, beim Eintritt der Fischfamilie. Es folgte ein kurzes Naserümpfen. Dann bezahlte Herr Seidinger drei mit Pelz besetzte Mäntel. Dann sagte er einige Worte, lächelte – fast scheu –, verbeugte und entfernte sich. Und wer ganz genau hinsah, der konnte bemerken, wie Cassiopeias Finger sich in einen Mantel gruben, als wäre es kein Stoff, sondern Fleisch, das sie mit aller Kraft zum Bluten bringen wollte, während das Forellentrio aus dem Laden schwamm, hinaus in die fröhlich glucksende Welt.

Bald darauf sah man eine ausgewechselte Cassiopeia Prantl aus dem Geschäft stürmen. Die Dämmerung war aus ihrem Gesicht verschwunden, nun brannte dort stattdessen eine wild glühende Morgenröte.

 

Als Hubemoser das Kaulquappengespann heranflosseln sah, nahm er es auf wie eine Störung, wenn man sich gerade hinlegt zum Schlafen. Er wartete auf den Tod. In seinem Kopf wütete der Gedanke an das vergebene Glück und schlug die Einrichtung im Oberstübchen in Stücke. Hin und wieder kam der Selbsthass dazu und half ein wenig mit. Und wenn beide außer Atem waren, dann war da immer noch die Einsamkeit, die mit traurig schwerem Arm die letzten Reste zertrümmerte. Die Spuren dieser Verwüstung zeichneten sich überall auf Hubenmoser ab. Er lag da wie ein traurig gestrandeter Wal und schmolz langsam im Sonnenlicht dahin.

Seidinger trat heran und stellte sich Hubenmoser filetiert in Fischdosen vor. Er musste schmunzeln. „Hubenmoser!“, sagte er (mittlerweile fast aus Gewohnheit). „Wie siehst du denn aus?“ Fast hätte er losgelacht, so unterhaltsam fand er die gesamte Situation. Bald schon würde er ihm sagen können, was er für ein Dummkopf gewesen war, dachte Seidinger, nur ein bisschen wollte er es noch genießen. Ein verirrtes Auge Hubenmosers funkelte ihn derweil an. Irgendwo in dem klumpigen Körper rührte sich großer Hass auf Seidinger. Sei es, weil Hubenmoser bereits verstand, dass er betrogen worden war, sei es, weil große Trauer immer gerne in Zorn umschlägt und ein Ziel braucht, um sich abzuleiten. Hubenmoser kam es vor, als hätte er noch nie einen Menschen so gehasst wie Seidinger in diesem Augenblick. Die Verwüstung in seinem Kopf und der Kahlschlag in seinem Herzen lehnten sich gegen diesen Menschen auf. Auf Hubenmosers Haut begannen Blasen aufzuplatzen wie auf der Oberfläche einer siedenden Brühe. (Seidinger musste plötzlich an einen Hummer denken, der über dem kochenden Wasser schwebte. Sicherheitshalber trat er einen Schritt zurück. Noch einmal wollte er beschwichtigend „Hubenmoser!“ rufen, doch er hielt sich zurück.)

So wie Wasser plötzlich über den Topfrand wallen kann, so kochte plötzlich auch Hubenmoser hoch. Der gesamte Körper schwoll nun an, ein großer lebendiger Hefeteig, die Blasen sprangen auf, und die Luft, die entwich, schrie das Leid Hubenmosers in die Welt. Ein Kreischen wehte den Kaulquappen entgegen, wie von den langsam schließenden rostigen Pforten der Hölle. Seidinger musste schlucken. Er war gekommen, um menschlichen Kummer zu sehen. Doch die Menschenblase, die sich nun vor ihm aufrichtete, nahm bedrohliche Ausmaße an. Ein Arm Hubenmosers schnappte nach ihm, die Kaulquappen sprangen davon und brachten sich japsend in Sicherheit, Seidinger duckte sich unter dem Hieb weg und hob abwehrend die Hände. „Hubenmoser!“, schrie er diesmal. (Und zum ersten Mal hatte er das Gefühl, es nicht laut genug sagen zu können) „Es war doch alles nur ein Scherz! All das mit Cassiopeia! Verstehst du? Ein Scherz!“

Kaum war er verstummt, begriff er, dass er das Unglück auf diese Weise nicht würde abwenden können. Zwar gefroren die Bewegungen Hubenmosers für einen stummen Moment. Doch es war, als würfe man ein Stück Brot in einen Fischteich: Kaum berührten die Krumen das Wasser, schon setzte ein Kochen unter der Wasseroberfläche ein. Hubenmoser wühlte sich auf. Er ging in die Luft wie ein explodierender Kochtopf, schnappte nach Seidinger, schlang sich um ihn, band sich Körper um Körper und blähte sich auf – und er schrie.

Schrie, als wäre nun endgültig nichts Menschliches mehr in ihm. Er schrie nach Cassiopeia, flehend, fluchte auf die Welt, die Vergeblichkeit des Lebens und insbesondere auf die eigene Dummheit. Seine Schreie malten ein makabres Gemälde in die Luft, grundiert von den Schmerzenslauten des Dosenfabrikanten Beppo Seidinger, der langsam in den expandierenden Weiten des Hubenmoser'schen Unglücks zermahlen wurde. Der Heißluftballon Hubenmoser schwoll unter dem wallenden Dampf seines Tränensees immer weiter an. Und als der Kummer am größten war, da hob er plötzlich wirklich ab, flog auf; mit einem verstummten Passagier als Kern.

Als Hubenmoser begriff, wie ihm geschah, da war er beinahe glücklich, da dachte er daran, dass es gut war, diese Welt endlich zu verlassen, er stellte sich vor, dass er hochsteigen würde, dass er über den Himmel ziehen würde als Wetterballon. Irgendwann, über einem weiten einsamen Ozean würde ein Vogel auf ihm landen, einmal zupicken und dann hätte es ein Ende. Fast schien ihm dies eine tröstliche Vorstellung zu sein. Er würde nicht mehr an Cassiopeia denken müssen und nicht mehr an das ungerechte Wort, das er ihr ins Gesicht gespuckt hatte.

Doch es scheint, als könnte es keine tröstlichen Vorstellungen geben für einen Menschen wie Linhart Hubenmoser. Wer anders ist, wer nicht die langweilige Grundausstattung mitbringt, der leidet unter der Feindseligkeit seiner Umwelt. Und so zwang ihn ein hinterhältiger Zufall, im Davonfliegen noch einen Blick nach unten zu werfen, wo gerade Walpurga Domenica Cassiopeia Prantl herbeigelaufen kam, die Hände vergeblich nach ihm ausgestreckt. Und sofort krampfte sich in Hubenmoser erneut alles zusammen, es regnete in ihm, doch jeder Tropfen traf wütend auf Beppo Seidinger, verdampfte sofort wieder und trug beide unerbittlich immer weiter in den Himmel. Noch lange sah er nach unten, sah, dass er nicht mehr umkehren konnte, sah dass sie nur noch verbunden waren durch den dünnen Faden eines Blicks. Sah, dass seine Sehkraft nicht ewig reichen würde, um das Sternbild festzuhalten. Irgendwann riss der, die Wolken legten sich um Hubenmoser. Irgendwann ließ auch die die Schwerkraft ihn los. Und dann wurde es kalt.

 

So verloren sie sich aus den Augen, Linhart Hubenmoser und Cassiopeia Prantl: Mit dem Willen, alles besser zu machen, und dem Wissen, dass die Schwerkraft schon das letzte Wort gesprochen hatte. Doch wahrscheinlich hat er nie aufgehört, nach unten zu sehen. Wahrscheinlich fliegt er rund um die Erde und hält immer noch Ausschau nach ihr. Und wenn er glaubt, sie zu sehen, dann hellt sich sein Gesicht auf. Dann könnte man fast meinen, es wäre ein Lächeln, das im Himmel hängt – breit und leuchtend wie der Mond.

Und vielleicht ist es das, was Cassiopeia sieht, wenn sie die milchige Sichel am Nachthimmel betrachtet, wenn sie sich vorstellen muss, wie kalt es im Weltall sein muss und sich schmerzhaft erinnert, dass ihr etwas fehlt, als wäre sie ein Stern, der lieber auf der Erde wäre, oder ein Körperteil, der nicht mehr weiß, wo er sich noch festhalten könnte, weil er keinen Bezug mehr hat zu seinem Rumpf.

 

 

Ende

 

 

[Meine Freude, meinen Kummer, meine Meinung über diese Geschichte im Gästbuch hinterlassen]