Als nun also Beppo Seidinger den Hubenmoser „zufällig“ besuchte, war es offensichtlich, dass er mit seiner Einschätzung recht gehabt hatte. Hier konnte man einen prächtigen Zweifel einpflanzen, die Nährlösung dafür schwappte in einem besorgten Wasserkopf. Seidinger sah belustigt zu, wie Hubenmoser sich fortbewegen musste – er ging eigenartig verrenkt rückwärts und schleifte sein Haupt auf der Erde hinter sich her. Die Forelle rieb sich die Flossen. Dies hier war besser, als er es sich jemals erträumt hätte.

Er trat auf Hubenmoser zu, mit jener beschwingten Eindringlichkeit von sehr schnell fließendem Wasser. Ohne nachzufragen zog er einen Stuhl herbei und setzte sich verkehrt darauf, die Arme lässig auf die Rückenlehne gelegt. Sein Atem pfiff aufgeregt durch die Nase, wie ein Wind durch Fensterritzen. Alles in ihm war Vorfreude.

„Hubenmoser!“, sagte er (etwas lauter, als er es eigentlich geplant hatte. Er räusperte sich – der stattliche Klang seiner eigenen Stimme hatte ihn überrascht. Sie schien ihm heldenhaft.)

„Hubenmoser!“, setzte er erneut an, „Ich muss mit dir reden. Es ist etwas Wichtiges. Etwas Wichtiges und darum auch Unangenehmes.“ (Seidinger bemühte sich um einen feierlichen Ton, wie man ihn auf Hochzeiten und Begräbnissen gleichermaßen verwendete.)

„Hubenmoser!“, sagte er (weil er fand, dass Wiederholungen immer die Wirkung verbesserten), „Weißt du eigentlich, wo deine Cassiopeia sich herumtreibt?“

Ganz offensichtlich verfehlte der Satz nicht sein Ziel. Das Wasser in dem Kopfballon gluckste, wie unter dem Ansturm einer inneren Brandung. Die Wangen wabbelten.

Nun senkte Beppo Seidinger die Stimme etwas. Eine fischige Brise erfüllte den Raum: „Ich habe lange überlegt, ob ich es dir sagen sollte. Aber ich konnte das nicht länger mitansehen. Jeder“ (er betonte genussvoll das Wort) „in der Stadt weiß davon. Jeder. Nur du nicht.“

In Hubenmosers Ohren röhrte ein Sturm, er hörte in sich das Krachen von Holzplanken, splitternde Bohlen und Wellen, die gegen eine zitternde Landmasse tobten. Der sandige Boden zog sich unter seinen Füßen zurück und ließ ihn im Schlamm versinken: Natürlich hatte er es immer schon gewusst! Was machte eine Frau wie Cassiopeia Prantl mit einem wie ihm? Was war denn ein Hubenmoser für solch ein Kaliber? Doch bestenfalls ein lebendes Knetspielzeug, ein Zeitvertreib, noch dazu einer mit baldigem Ablaufdatum! Seine Zeit war um, das wusste er jetzt. Hubenmoser spürte, wie seine Ohren heiß wurden. Ein bisschen Dampf kam heraus und vermischte sich mit dem Fischgeruch, der den Raum durchwehte. Seidinger trat vor, klopfte Hubenmoser vielsagend auf die Schultern und verabschiedete sich diskret. Er wusste, dass er nichts mehr sagen musste. Hubenmoser würde sich selbst eine Geschichte ausdenken. Denn so groß war Hubenmosers Unsicherheit, so groß seine Sorgen und so klein sein Vertrauen in sich selbst, dass er nicht einmal bemerkte, dass ihm Seidinger eigentlich nichts Konkretes erzählt hatte. Denn was war es, das jeder wusste? Dass Cassiopeia Prantl Nerze verkaufte und irgendwo in der Ferne ein Geschäft abschloss. Es gab keine Geheimnisse in dieser Geschichte, nur einen großen Leerraum, in den Hubenmoser die Sorgensuppe in seinem Kopf gießen konnte. Plötzlich musste er sich Cassiopeia vorstellen, nackt paradierte sie vor gesichtslosen Verehrern, deren lange Finger unter tosendem Lachen auf Hubenmoser zeigten. Und am Höhepunkt der allgemeinen Belustigung drehte sich auch Cassiopeia um und sah ihn spöttisch an. Ihr Lächeln, nach dem er sich gesehnt hatte, wurde zu einer Waffe, die Augen, in denen er sich verloren hatte, spießten ihn auf und ließen ihn verwundet liegen. In seinem sorgenvollen Wasserkopf bildeten sich kleine Löcher, aus denen das Sorgenwasser sickerte wie aus winzigen Stichen – durch die Haut weinte Linhart Hubenmoser – mit schmerzhaft geschlossenen Augen.

 

Es schien ihm, als öffnete er sie erst Tage später wieder. Im Türstock stand lächelnd die zurückgekehrte Cassiopeia Prantl. Doch unzweifelhaft konnte es sich um kein ehrliches Lächeln handeln. Es war natürlich reine Fassade. Ganz offensichtlich musste sie sich geradezu von hinten gegen dieses Lächeln stemmen, um krampfhaft den Schein aufrechtzuerhalten. Hubenmoser begriff, dass seine Liebe zu dieser Frau kein Glück gewesen war. Im Gegenteil, es war eine Strafe gewesen, eine Krankheit, die seine Augen angriff, ihn blind machte, die sein Blut vergiftet und seine Glieder schwer gemacht hatte. Er spürte einen Hass in sich aufwallen. Was tat sie überhaupt noch hier, fragte er sich. Wahrscheinlich kam sie nur, um ihm zu sagen, dass sie nie mehr wiederkommen würde. Bestimmt war es so. Er sträubte sich gegen diese Frau – sein Körper reagierte.

Cassiopeias Lächeln gefror. Es war als wäre sie nicht zu ihrem Hubenmoser zurückgekehrt, sondern als hätte sie einen Igel erschreckt. Vor ihr lag ein arg deformiertes Stück Mensch, dass sich ringelte und Stacheln ausfuhr. Ein tiefer Schreck fuhr ihr in die Knochen, jene Art von Frösteln, die einen ergreift, wenn man feststellen, dass man einen Schritt über eine verbotene Grenze getan hat und nie mehr zurückkehren kann – dorthin, wo man einmal glücklich war. Nur wusste Cassiopeia nicht, um welche Grenze es sich handelte. Sie spürte nur, dass ihre Anwesenheit hier nicht mehr erwünscht war.

Kurz rang sie nach Atem. Fieberhaft überlegte Sie, was man sagen müsste, welchen Satz es bräuchte, um alles richtigzustellen. Es schien ihr, als gäbe es nur einen einzigen richtigen Satz, der alles erklären würde, alle anderen Sätze jedoch bedeuteten sofortige Verbannung. Panisch suchte sie in ihrem Kopf nach diesen Worten, wie nach einem goldenen Schlüssel, ohne zu wissen, wo das Schloss dazu wäre, ohne zu wissen, was richtigzustellen war. Und während sie um Worte rang, kam aus dem Stachelhaufen ein feindseliges Zischen.

Hubenmoser sah die Angst im Gesicht Cassiopeias und sofort schnürte es ihm die Kehle ab. Unter der dicken Schicht aus Eifersucht und Sorgen rührte sich ein verschütteter Hubenmoser, der es immer noch nicht übers Herz brachte, diese Frau zurückzuweisen, der begriff, dass nun wirklich jener Moment gekommen war, vor dem er sich immer gefürchtet hatte, dass sie nun bald auf ewig verschwinden und er verletzt zurückbleiben würde. Unter den Stacheln war ein Hubenmoser, der wusste und wünschte, dass dieses Ende noch abzuwenden war. Doch er verlor gegen das fischige Flüstern in seinen Ohren, das ihn anstachelte, ihr zu sagen, was er von ihr hielt, ein stinkendes Flüstern, das ihm befahl, hart zu bleiben und sich nicht einschüchtern zu lassen von einer mickrigen Träne im panischen Augenwinkel Cassiopeias. Immer wieder skandierte das Flüstern ein einziges Wort und trieb ihn an, endlich den Mund zu öffnen und ihr die Wahrheit ins Gesicht zu schmettern.

Schließlich fiel er platschend in das Wort wie in ein dreckiges Hafenbecken.

Als er es ausgesprochen hatte, war es ihm, als sähe er das Wort kurz noch im Raum stehen. Er schnappte danach – so als hätte er mit dem Wort unabsichtlich ein Segel gehisst und versuchte nun fieberhaft, es wieder einzuholen. Doch der Wind war stärker. Er erfasste Cassiopeia, zauste ihr das Haar, ließ das Segel klatschen und trieb sie quälend unaufhaltsam langsam vor sich her. Rückwärts ging sie. Stolperte noch dabei. Doch am Ende war Hubenmoser alleine, so wie er es früher schon immer gewesen war.

Erst jetzt erinnerte er sich, wie sehr er diese Einsamkeit immer gehasst hatte. Und natürlich wusste er nun, dass dies alles ein Fehler gewesen war. Doch wie immer war es dafür nun längst viel zu spät. Die Entscheidung hatte sich selbst längst getroffen.

 

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