Wäre Linhart Hubenmoser ein Fischer gewesen, wäre er in jenen Tagen vielleicht mit einer Angel in einem Bach gestanden und hätte sich über die überraschende Beißfreudigkeit der Forellen gewundert. Doch Hubenmoser war seit jeher eher ein einfacher Geist. Er hatte kein Auge für die eigenartigen Zeichen, die zuweilen die Umbrüche eines einfachen Lebens begleiten. Er hatte überhaupt Probleme, sich auf mehrere Dinge gleichzeitig zu konzentrieren. Und solange Cassiopeia Prantl seine Welt ausfüllte wie die Morgenröte den Himmel, solange gab es auch in seinen Augen keinen Platz für andere Details, mochten sie auch noch so schuppig funkeln. Seine Liebe kannte keine Grenzen, sie überschattete alles.
Eine solche Liebe ist ein seltener Glücksfall. Und dennoch soll es vorkommen, dass sich Menschen vor solch einer Liebe fürchten. Denn sie wissen, dass aus der größten Zuneigung auch die größte Angst entstehen kann. Wer liebt, macht eine Hintertür zu seinem Herzen auf. Und plötzlich schleicht sich der Zweifel ein, steht auf der Türschwelle und rümpft spöttisch die Nase. Denn der Zweifel riecht nach Fisch. Das wusste auch Beppo Seidinger.
Seidinger dachte so: Einer wie der Hubenmoser hatte noch nie ein solches Glück erlebt. Ein Hubenmoser wunderte sich, wie ihm diese Liebe überhaupt passieren hatte können. Er würde versuchen, sich die Wahrscheinlichkeiten auszurechnen, mit denen solche Zufälle eintraten. Er würde zu dem Schluss kommen, dass es wohl mit zwei Dingen vergleichbar war: dem Gewinn in der Lotterie und dem Eintreten einer sehr schweren Krankheit. Und er würde sich fragen, ob es nicht eher nur ein sehr eigenwilliger Witz sein könnte, dessen Opfer er hier geworden war. Ob es nicht sein könnte, dass er nur das Versuchsobjekt in einem sehr groß angelegten Experiment war und ob nicht hinter dem strahlenden Angesicht seiner Cassiopeia eine dunkle Kammer lag, von der aus ihn graue Eminenzen mit riesigen Feldstechern beobachteten und jede seiner Bewegungen mit traurigem Kopfschütteln in ein dickes Buch eintrugen, wo sich langsam die Ergebnisse des Versuches Hubenmoser anhäuften. Gäbe man einem Hubenmoser Anlass zu zweifeln, dann zerstörte man vielleicht auch seine Liebe. Damit traf man Cassiopeia Prantl, damit filetierte man einen Backfisch. Seidinger folgte diesem Gedankengang vorwärts und rückwärts. Sein Herz hüpfte, so genial fand er seinen Plan. Dezent, einfach und dennoch von einer solch ausgesuchten Gemeinheit, dass er sich selbst am liebsten auf die Schulter geklopft hätte. Er nahm sich vor, Hubenmoser zu besuchen. Irgendwann in den folgenden Tagen. Vielleicht begegnete man ihm ja zufällig. Vielleicht traf man ihn ja auch einmal allein. Vielleicht hatte ja auch eine Cassiopeia Prantl einmal eine Dienstreise zu machen. Zufällig.
So ging einige Tage später eine Großbestellung im Modehaus Prantl ein. Ungewöhnlicherweise wünschte man aber die Anwesenheit der Chefin zum Abschluss des Vertrages. Darüber hätte man die Nase rümpfen können. Es roch nach Fisch. Doch Cassiopeia Prantl dachte sich nichts. Sie freute sich nur über das Geschäft. Sie küsste den Hubenmoser, packte und reiste ab, unter dem Donnern der Herzpauke und unter den zufriedenen Blicken des Beppo Seidinger, dessen außerstädtisches Tochterunternehmen freudig dem bevorstehenden Ankauf einer großen Menge feinster Pelzwaren entgegensah.
Für Hubenmoser war diese unvorhergesehene Trennung die Hölle. Denn es verhielt sich tatsächlich so, wie es Seidinger vorausgesehen hatte: Hubenmoser fühlte sich glücklich wie niemals zuvor – und traute doch dem Glück nicht über den Weg. Denn er fühlte, dass etwas Endliches war in der Beziehung zu Cassiopeia Prantl. Die Liebe selbst könnte endlich sein, das Leben, wahrscheinlich sogar beides. Selbst die Zeit selbst, so fand Hubenmoser, war gegen einen. Denn alles war stets in Bewegung, alles flatterte, flirrte. Niemand wusste das besser als er, dessen eigener Körper ein Beweis war für die unaufhörlichen Metamorphosen der Welt.
Dagegen hätte man etwas tun müssen. Hubenmoser hätte sich gewünscht, die Liebe zu Cassiopeia zu konservieren. Doch scheinbar gab es in der Welt Dinge, die man nicht eindeutig bestimmen konnte. Schlimmer noch: Je mehr man versuchte, sie festzulegen, desto mehr verschwammen sie, zerfielen und gingen sogar verloren. Je mehr Hubenmoser Cassiopeia liebte, desto mehr suchte er nach Bestätigungen ihrer Zuneigung, als wäre er selbst ein Tatort und jemand hätte an ihm ein ganz scheußliches Verbrechen verübt. Jedes ihrer Worte war ein Indiz, jeder Satz eine Spur und jedes Gespräch Teil einer großen Verschwörung. Und die Zeit drängte, sonst gelänge es niemals, das Verbrechen zu klären.
Am schlimmsten war, dass er sich selbst dabei zusehen musste, wie er immer misstrauischer wurde.
Wenn Cassiopeia ihn am Morgen verließ, dann traten seine Augen aus den Höhlen und folgten ihr, der Sehnerv dehnte sich wie eine ausgeworfene Angelschnur. Angespannt wartete er darauf, dass sich Cassiopeia noch einmal umdrehte, winkte und lächelte – kurz: dass sie anbiss.
Cassiopeia hingegen merkte von dieser Anspannung nichts. Wenn sie zurückblickte, sah sie in den jagenden Augen nur die Zuneigung, nicht jedoch den Zweifel. Und so dachte sie den ganzen Tag sehnsüchtig daran, wie es sein würde, nach Hause zu kommen, während Hubenmoser gleichzeitig befürchtete, sie nie mehr wieder zu sehen. Zuerst würde sie sich nicht mehr umdrehen, dann für immer gehen. So erwartete es Hubenmoser. So flüssterte die Angst es ihm ein, so diktierte es ihm sein Misstrauen und so zeichnete es sich an seinem Körper ab: Jeder ängstliche Gedanke kondensierte an Hubenmosers Schädeldecke, tropfte herab und sammelte sich in einer stetig wachsenden Pfütze aus bleiernen Gedanken. Der Kopf schwoll ihm an. Meterdick lag er ihm auf den Schultern und wurde immer schwerer, je länger er von Cassiopeia getrennt war. Und erst, wenn sie wieder zurückkehrte zu ihm, wenn er wieder jenen komplexen Geruch von Geschmeidigkeit und Luxus in der Nase hatte, den sie aus ihrem Geschäft mit nach Hause brachte, erst dann fühlte er den Sorgenkopf wieder schrumpfen, erst dann hatte die Herzpauke wieder Platz zu schlagen und die Rosenfinger konnten wieder blühen. Wenn ihn dann Cassiopeia fragte, was er den ganzen Tag getan hätte, dann sagte er, er hätte immer nur an sie gedacht. Und auch wenn es die Wahrheit war, schien es ihm doch, als hätte er gerade eine große gemeine Lüge erzählt und Verrat begangen an dem einzigen Menschen, der ihm auf dieser Welt Vertrauen schenkte.
Stefan Abermann - Texte und mehr