Die Metamorphosen des Linhart Hubenmoser
Teil II
Es ist nämlich so, dass sich Entscheidungen für Geschichten eignen. Es liegt etwas Feierliches darin, etwas Faszinierendes, das einen dazu bringt, immer hinzusehen, wie ein kleines Spiel, das man schnell erlernt, aber nur langsam meistert. Cassiopeia Prantl hatte sich also für Linhart Hubenmoser entschieden. Was bewirkte das? Es freute den Hubenmoser, doch es rührte auch den Neid der Leute – fröhlich schauten Sie dem Paar ins Gesicht, doch giftig warfen Sie Blicke über die Schulter.
Daneben beschwor Cassiopeias Entscheidung aber auch alte Feindschaften herauf. So gab es beispielsweise in jenen Tagen einen Dosenfischfabrikanten namens Beppo Seidinger. Zwar trug dieser einen geschmeidigen Namen, war ansonsten aber ein ekelhafter Kerl. Alles an Seidinger stank, von seiner Kleidung angefangen, die ständig seinen Beruf verriet, über seine beiden Töchter, die sogar aussahen wie Kaulquappen, bis hin zu den Worten, die er sprach. Wenn man mit Seidinger ins Geschäft kam, schlief man nicht mehr gut, denn man hatte stets das Gefühl, dass er einen ausnahm wie einen Fisch. Seine Verträge hatten etwas von einer Konservendose: von innen waren sie nicht mehr zu öffnen, und eines Tages, das wusste man, würde man von Seidiger verschlungen werden mit einem gierigen Biss. Man verpfändete sich selbst dem Seidinger, weil man dessen Geld brauchte, und wurde so selbst zu der Währung, mit der er bezahlte. So kam es, dass Seidinger überall Konservendosen sah, wenn er durch die Straßen ging. Mit gezwungener Freundlichkeit hoben diese die Flossen und grüßten. Doch das war ihm genug. Auf echte Freundschaften gab ein Beppo Seidinger schon lange nichts mehr. Man gewöhnte sich daran, dass die Welt nur noch aus winkenden Fischdosen bestand. Die Fischdosen sagten einem das, was man hören wollte: „Sie sehen heute wieder hervorragend aus“, sagte einem der Metzger. „Ich würde Ihren Geruch gerne in Flaschen füllen können“, sagte der Parfumeur. „Man ist kein Künstler, wenn einem die Schönheit Ihrer Töchter nicht ans Herz geht“, sagte der Maler.
So stolzierte man durchs Leben. Bis man plötzlich hinter sich ein Räuspern hörte. Da stand eine kleine Straßenverkäuferin und stützte sich auf ihrem Bauchladen auf. Sie räusperte sich erneut. Sie wollte etwas richtigstellen:
„Du stinkst“, sagte Cassiopeia Prantl.
Seidenmann flatterte überrascht mit den Kiemen.
„Deine Töchter sehen aus wie Kaulquappen“, sagte Cassiopeia. „Da bin ja ich noch schöner“, meinte sie keck.
Irgendjemand hatte es ihm ja sagen müssen, dachte Cassiopeia Prantl. Sie hatte ein zufriedenes Gefühl im Bauch, als hätte sie gerade eine lang aufgeschobene Arbeit erledigt. Sie drehte sich um, lachte vergnügt auf und ging. Beppo Seidinger aber starrte ihr nach, wie eine Forelle aus dem Aquarium. Dümmlich schnappte er nach Luft. Die Wut blähte ihm den Hals, als kaute er an einem Kugelfisch. Er sah, wie sich Metzger, Parfumeur und Maler die Hand vor ein verkniffenes Lächeln hielten. Er fühlte, wie seine Welt zerbrach.
So hatte auch er eine Entscheidung getroffen. Denn in diesem Moment schwor er sich, dass er diesen Backfisch Cassiopeia Prantl noch in die Pfanne hauen würde. So etwas war nur eine Frage der Zeit. Eine Forelle kann warten. Vor allem dann, wenn die Strömung gut ist. Und sie fühlt sich gerade wohl, wenn den andern das Wasser schon längst bis zum Hals steht.
Also sah die Forelle Seidenmann geduldig der Zeit zu, wie sie vorbeischwamm. Er beobachtete, wie Cassiopeias Bauchladen zu einem kleinen Laden heranwuchs, Fahrt aufnahm und als luxuriöser Pelzladen abhob in den Himmel. Die Forelle Seidenmann tat nichts dagegen. Sie wartete. Cassiopeia Prantl blühte mit ihrem Geschäft. Die Zeit ging spurlos an ihrer Schönheit vorbei. Alles ging seinen Weg, ihren Weg, einen guten Weg. Die Forelle wartete. Bis zu jenem Tag, als Walpurga Domenica Cassiopeia Prantl eine Entscheidung traf und die Rosenfinger von Linhart Hubenmoser ergriff. Da schlug die Forelle einmal mit der Flosse. Blubberte. Und freute sich ihres Lebens. Denn die Strömung war gut. Endlich war die Wartezeit zu Ende.
[zurück zu Teil 1] [weiter]
Stefan Abermann - Texte und mehr