Die Metamorphosen des Linhart Hubenmoser
Teil I
Der Mensch ist eigentlich ein langweiliges Wesen. Bei allen Schattierungen, Stimmlagen und Körpergrößen wiederholt sich doch immer ein ungefähres Muster: Zwei Arme, zwei Beine, ein Kopf und in der Mitte ein Rumpf, damit die Körperteile wissen, wo sie sich festzuhalten haben. Wenn man geboren wird, bekommt man fast immer diese Grundausstattung, danach kann man sehen, wo man bleibt. Nur selten kommt es vor, dass jemand anders ist. Doch es kommt vor. Und noch jedes Mal ist daraus eine Geschichte geworden, weil man sich gerne erzählt, wie man selber nie sein wird.
Es war also eine eigenartige Sache mit Linhart Hubenmoser, denn sein Körper reagierte auf Gefühle wie Allergiker auf den Frühling. Alles an ihm geriet in Aufruhr. Seine Glieder verformten sich unter dem Ansturm der Emotionen. Wenn Hubenmoser traurig war, dann fing er nicht an zu weinen, nein, sein gesamtes Gesicht wurde zu einem Bach, die Haut legte sich in Wellen und rann ihm die Wangen hinunter, als wären es die plätschernden Oberflächen eines esoterischen Zimmerbrunnens. Wenn man Hubenmoser küsste, dann klopfte sein Herz. Aber nicht so, wie andere Herzen klopfen, sondern eher wie die Pauke in einer Marschkapelle, man sah den Brustkorb sich aufwölben zu einem stolzen Hohlkörper und die Trommelschläge der Herzpauke erfüllten mit liebevollem Donnern den Raum.
Und so erstaunlich diese Vorgänge waren, kann man sich vorstellen, dass Hubenmoser unter seinem sprunghaften Körper auch oft zu leiden hatte. Wenn er traurig war und Beistand suchte, floh man vor ihm, weil er aussah wie das Monster im Kleiderschrank. Wer ihn küsste, versteckte sich vor dem Herzdonnergrollen wie vor einem plötzlich aufgezogenen Gewitter.
Doch man musste ehrlich sein: Niemand küsste Linhart Hubenmoser.
Oftmals wäre es klüger gewesen, die Gefühle für sich zu behalten. Doch selbst wenn er sich Mühe gab, fand sein Körper einen Weg, ihn zu überlisten. Es war Hubenmoser daher auch fast unmöglich, zu lügen. Denn sein Innerstes war immer außen und dort wallte es, wie ein Wolkenband, das ständig bereit war, sich abzuregnen. Wenn man Hubenmoser ärgerte, wirklich ärgerte, bis zum Äußersten in Rage trieb, dann konnte es passieren, dass ihm aus dem Kopf ein zusätzlicher Arm wuchs, der wild nach dem Kontrahenten schlug, während Hubenmoser krampfhaft versuchte, seine beiden eigentlichen Fäuste zurückzuhalten. So kämpfte er stets einen Kampf an zwei Fronten. Einerseits gegen die Welt, andererseits gegen sich selbst. Und irgendwo dazwischen versanken die Gedanken Hubenmosers in einer duldenden Melancholie.
Nein, ein Hubenmoser hatte es nicht leicht, sagt er sich. Ein ehrlicher Mensch macht sich keine Freunde. Denn wenn die Leute behaupten, sie schätzten die Ehrlichkeit, dann lügen sie. Und wenn die Menschen sich ärgern, dass nur die Lügner im Leben erfolgreich sind, frisst sie nur heimlich der Neid, dass andere besser lügen als sie selbst. Und so ist es ein ewiger Kreislauf. Man ist einsam, man wünscht sich Gesellschaft, doch kaum trifft man jemanden, ist man wieder ehrlich, und das ist wieder nicht recht. So dachte Hubenmoser, und er stellte seufzend fest, dass jemand wie er immer einsam bleiben würde.
Aber glücklicherweise gab es Sprichworte. So ist es z.B. so, dass auf jeden Topf ein Deckel passt. Und blinde Hennen finden auch immer Körner. Das ist gut für die Hennen und für die Körner. Und so kam es, dass Hubenmoser einmal kurz nicht hinsah und schon stolperte er wie eine blinde Henne durch ein Kornfeld namens Walpurga Domenica Cassiopeia Prantl.
Der Name zwitscherte in Hubenmosers Knochen, seine Ohren sangen ihn flatternd in die Welt. Da tanzte sein Bauchnabel Cha Cha Cha und Hubenmosers Augen fuhren aus wie Teleskope, um das Sternbild Cassiopeia Prantl in ihrer ganzen Schönheit zu erfassen.
Hubenmoser glotzte, hielt ihr die Hand hin, die Herzpauke donnerte und vor Cassiopeias entzückten Augen verästelten sich Hubenmosers Finger zu einem Bukett aus blühenden Rosen. Das gefiel Cassiopeia Prantl. Weil sie vielleicht ein bisschen eitel war. Und weil jeder Mensch gerne Blumen bekommt. Und so packte sie den Hubenmoser an den Rosenfingern, warf sich an seine Seite und spazierte mit ihm durch einen Park unter den neidischen Blicken der Leute, die lieber lügen würden, als zuzugeben, dass auch ein Hubenmoser ein guter Topf sein kann, wenn er nur den richtigen Deckel findet.
Dem Hubenmoser hingegen war das in diesem Moment egal. Sein Körper reckte sich nach Cassiopeia wie Wüstenpflanzen nach dem Regen. Er sog ihre Schönheit auf wie ein Schwamm und geriet von einer Form in die andere, so groß war die Aufregung, die in ihm brodelte. Cassiopeia wiederum genoss diesen Blick. Sie genoss es, dass sich jemand für sie verbog, sie erlebte ihre eigene Schönheit in den Verrenkungen von Hubenmosers Körper. Es war, als hätte ein fremder König Wasserspiele für sie bestellt und sie stand nun am Rande des Beckens und betrachtete das springende Gewühl der Fontänen, das Spucken und Sprudeln, das nur für sie entstand, das keinen anderen Grund kannte als sie und das niemals aufhören würde, solange es sie gab.
Da fasste Cassiopeia Prantl einen Entschluss und schwor sich im Stillen, dass sie sich den Hubenmoser behalten würde, auf immer, weil sie insgeheim verstand, dass sie niemals wieder jemanden finden würde, der sein Innerstes so bereitwillig vor ihr ausbreiten würde wie er.
Und man kann sich denken, wie es ist: Jedes Mal, wenn jemand eine große Entscheidung getroffen hat, ist immer eine Geschichte daraus geworden. Das ist so wie mit zwei Armen, zwei Beinen und ihrer Beziehung zum Rumpf. Und genau so ist es auch hier.
Stefan Abermann - Texte und mehr